Referent: Min.Dir.a.D. Dr. iur. Helmut Klaus
Donnerstag, 3. Juli 2008 ab 19 Uhr
im Studentenhaus Lynarstraße

Die Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf dem Wiener Kongress 1814/15 führte neben territorialen Veränderungen und fürstlichen Rangerhöhungen auch zur Heiligen Allianz europäischer Großmächte, zum Bündnis der Monarchien in Russland, Österreich und Preußen. Deutschland in seiner aus dem Mittelalter tradierten verfassungsrechtlichen Organisationsform als “ Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation “ unter Habsburger Führung gab es nicht mehr. Statt dessen wurde auf dem Wiener Kongress der „Deutsche Bund “ als Staatenbund 37 souveräner Territorialstaaten gebildet,der auch die Großmächte Österreich und Preußen umschloss.

Vom Deutschen Reich kann fortan keine Rede mehr sein. Preußen trat an die Stelle des Gesamtstaates im Verhältnis zu Rußland. Die preußisch – russische Zusammenarbeit hatte schon 1812 auf militärischem Gebiet mit der “ Konvention von Tauroggen “ im Kampf gegen Napoleons Frankreich begonnen. Aus dem Krim-Krieg Russlands gegen die Westmächte und die Türkei 1853 – 1856 hielt sich Preußen klugerweise, aber zugunsten Russlands heraus, nicht jedoch Österreich.
Die preußischen außenpolitischen Interessen bestimmten nach der Reichsgründung 1871 die Außenpolitik des Reichs unter Bismarck, der das Reich gegen Frankreich im Westen durch eine effektive Bündnispolitik mit Russland im Osten zu sichern verstand. Grundlage der Bismarckschen Politik war das „Drei – Kaiser – Bündnis „Deutsches Reich, Österreich – Ungarn und Russland sowie im Besonderen der Rückversicherungsvertrag mit Russland von 1887. Mit der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages im Jahre der Entlassung Bismarcks, 1890, durch den neuen jungen Kaiser Wilhelm II. und dessen eigenwillige neue Großmachtpolitik zeichnete sich bald das Unheil am Horizont bezüglich der Einkreisung des Deutschen Reichs ab, Es folgte der Erste Weltkrieg , in dem das Reich England, Frankreich und Russland gegenüber stand. Die Weltmachtpolitik Wilhelms II., eine maritime Hochrüstung des Reichs, ein wirtschaftlicher Exportboom und gescheiterte Bündnisbemühungen des Kaisers um England waren wesentliche den Waffengang mitauslösende Faktoren. Dem Reich gelang zwar mit dem Separatfrieden mit dem inzwischen bolschewistisch gewordenen Russland im März 1918 im Osten die Reduzierung des Zweifrontenkrieges auf einen Einfrontenkrieg, aber an der deutschen Niederlage konnte dieser Erfolg nichts mehr ändern.

Für das zivilisierte Europa waren das Reich und das revolutionäre Russland nunmehr zu Parias geworden. Diese Lage führte dann sehr bald 1922 zur Wiederannäherung von Deutschland und Russland mit dem Vertrag von Rapallo und einer darauf aufbauenden geheimen und erfolgreichen militärischen Kooperation zwischen Reichswehr und Roter Armee in der Weimarer Republik. Im Konflikt des Reichs mit Polen um Danzig und den polnischen Korridor schlossen das Reich und Sowjetrussland im August 1939 einen Nichtangriffspakt mit einem geheimen Zusatzprotokoll über die Interessensphären bei der in Osteuropa mit der Folge der vierten Teilung Polens nach dessen militärischer Niederlage gegen die deutsche Wehrmacht. Der Fall Polens war die Ouvertüre zum Eroberungs- und Vernichtungskrieg des Reichs gegen die Sowjetunion, der am 22.6.1941 mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion begann.