Referent: Dr.Ing. D. Hondelmann
Zusammenfassung des Vortrags vom Freitag, 13. Juli 2007
im Studentenhaus Lynarstraße
Bevölkerungswissenschaftliche Fragen erscheinen allgemein so spröde, dass sogar die meisten Politiker einen großen Bogen darum machen. Dr. Hondelmann hat es aber in wenigen Minuten geschafft seine Zuhörer(innen) in Bann zu ziehen. Ausgehend von der immer noch wachsenden Weltbevölkerung verwies er auf die EU, die bereits zu ihrer Zeit als 15-er Gemeinschaft abnehmende Bevölkerungszahlen aufwies. Die darin verborgene Dramatik wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass die EU in den Grenzen von 1998 375 Mio. Einwohner hatte, die bis 2050 auf etwa 296 Mio. abnehmen dürften. Für den gleichen Zeitraum ist damit zu rechnen, dass die Bevölkerungen des südlichen Randes des Mittelmeeres von Marokko, über Tunesien, Algerien bis zur Türkei von 236 Mio. auf 394 Mio. zunehmen, für die Türkei allein wird ein Wachstum von 67 Mio. auf 98 Mio. angenommen. Für die Bundesrepublik lässt sich die Entwicklung mit drei „Weltrekorden“ beschreiben:
- Frühester Beginn der Bevölkerungsabnahme (BRD ab 1972, DDR ab 1969)
- höchster Anteil (1/3) an einem Jahrgang, der kinderlos bleibt
- fehlende Geburten am meisten durch Einwanderer ersetzt: bezogen auf 100 000 Einwohner z.B. 1980 USA 245, Australien 694, die alte BRD 1022.
Bei Annahme von 170 000 jüngeren Einwanderern pro Jahr wird sich bis 2050 der Anteil der 60-Jährigen und Älteren um 10 Mio. auf rund 35%, davon allein die Anzahl der Hochbetagten (>80) von 3 auf 10 Mio. erhöhen, die „Ernährer“, d.h. die 20- bis 60-Jährigen um 10 Mio., die Geburten von 700 000 auf 440 000 abnehmen. Die Zuwanderer werden auf 19 Mio. zunehmen, die Deutschen hingegen auf 49 Mio. abnehmen. Das bedeutet, die Gesamtbevölkerung wird von 82 auf 68 Mio. abnehmen.Die Kinderlosigkeit von einem Drittel im Schnitt eines Jahrganges liegt allein bei Akademikerinnen bei 42 %. Der Redner diagnostizierte eine diesbezügliche Verweigerungshaltung und erläuterte an zahlreichen Beispielen, dass wir uns alle auf eine permanente gesellschaftspolitische Großbaustelle einstellen müssten. Er ging u. a. auf die drei folgenden Problembereiche ein, die hier stellvertretend genannt seien:
- Regionen mit Zuwanderung und Regionen mit Abwanderung, dabei schrumpfende Landbevölkerung und Großstädte mit wachsenden Speckgürteln: Die ernormen Kosten im Bereich der Infrastruktur müssten künftig von einer schrumpfenden Bevölkerung geschultert werden, die gleichzeitig immer mehr Alte zu unterstützen hat.
- Alle Zweige der Sozialversicherung, in denen entweder die Leistungen drastisch gekürzt oder die Beiträge dramatisch erhöht werden müssten. Die Versorgungssicherheit der mittleren Generation nimmt immer mehr ab.
- Die Erhaltung der Wirtschaftskraft bzw. des Wohlstandes, die nur durch technischen Fortschritt, durch Innovationen erreicht werden kann.
Im Schlussteil des Vortrags und in der überaus engagierten Diskussion, an der sich zahlreiche Zuhörer beteiligten, ging es um Maßnahmen zur Linderung der zu erwartenden Folgen.
- Kann die Lebensarbeitszeit weiter verlängert werden (bis ca. 73 Jahre) mit dem Ziel, die Rentenbezüge einigermaßen stabil zu halten?
- Können bei Kinderlosen wegen der angesprochenen Verweigerungshaltung Kürzungen bei den Altersbezügen vorgenommen werden?
Diese Fragen lassen sich entsprechend auch bezüglich der Krankenversicherung und der Pflegeversicherung stellen. Unbeantwortet sind ferner folgende Fragen:
- Wie kann die Innovationskraft Deutschlands erhalten werden, damit die Wettbe¬werbsfähigkeit auf dem Weltmarkt erhalten bleibt?
- Welche Maßnahmen müssen dazu im Bildungsbereich ergriffen werden?
- Wie viele Zuwanderer mit welchen Qualifikationen können den bevorstehenden Bevölkerungsschwund ausgleichen?
- Welche Maßnahmen sind geeignet, die Geburtenrate zu erhöhen? Ist eine hohe Bevölkerungszahl überhaupt ein erstrebenswertes Ziel?
- Wann beginnen unsere Politiker endlich mit der Einrichtung der angesprochenen gesellschaftspolitischen Baustelle, beenden ihre parteipolitischen Profilierungsspielchen und setzen wirklich nachhaltige Maßnahmen in Kraft?
Wenn ein demografischer Prozess ein Vierteljahrhundert in die falsche Richtung läuft. Dauert es fast ein Dreivierteljahrhundert, ihn wieder vollständig umzukehren!